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November `89 - Heißer Tee und 100 DM

Wenn Stefan Bettner, Mitarbeiter der Seesener Stadtverwaltung und Kamerad der Seesener Feuerwehr, sich an den November `89 erinnert, schüttelt er lächelnd den Kopf. „Es war einfach unfassbar…“

In eisiger Novemberkälte hatten die Trabbis und Wartburgs am Straßenrand gestanden – morgens um 6 Uhr. Die innerdeutsche Grenze war gefallen und Kinder, Eltern, Großeltern … alle hatten sich auf den Weg gemacht, um „den Westen“ zu erkunden. In Ermangelung eines Straßenatlas´ kamen manche wie Gestrandete in der Sehusa-Stadt an. Stefan Bettner, damals 22 Jahre alt, und seine Kameraden fuhren mit dem Mannschaftstransportwagen der Feuerwehr durch die Stadt, klopften an Fensterscheiben parkender Autos und nahmen die Frierenden mit in die Wache, wo sie sich mit heißem Kaffee, Tee, Kakao, Suppe und belegten Brötchen aufwärmen konnten. Gegen 9 Uhr dann leerte sich die Wache und die Menschen schwärmten aus, um einzukaufen.

„Wir haben am Wochenende Extra-Schichten eingelegt, um das Begrüßungsgeld auszuzahlen“, erinnert sich Uwe Alpers von der Seesener Stadtverwaltung an diese turbulente Zeit. 100 DM gab es für die Ostdeutschen. Zur Verfügung gestellt wurde das Geld aus dem Bundeshaushalt. Die Auszahlung erfolgte in den Kommunen. Wer das Geld abgeholt hatte, bekam einen Stempel in seine Ausweispapiere. Der Ansturm, so Uwe Alpers, sei manchmal so groß gewesen, dass die vorhandenen Bargeldvorräte nicht ausreichten. Dann habe man die Geschäftsführer der hiesigen Banken auch außerhalb der Öffnungszeiten gebeten, die Tresore öffnen, um das Rathaus mit neuen Banknoten zu versorgen. „Mit jeder Familie waren ja gleich wieder ein paar hundert D-Mark weg“, sagt Uwe Alpers lachend.

35 Jahre ist das alles her. Aber, wer wie Stefan Bettner und Uwe Alpers live dabei und „mitten im Geschehen“ war, wird die Erinnerungen an diese Zeit vermutlich nie vergessen.

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Stefan Bettner (l.) und Uwe Alpers erinnern sich an turbulente Zeiten

12.11.2024