Der ewige Kreislauf der Natur - in der Kläranlage technisch optimiert
Die Stadt Seesen hat einen heimlichen Superhelden. Am südwestlichen Rand der Stadt gelegen, verrichtet er tagein, tagaus seine Arbeit, ganz ohne Glanz und Gloria. Man spricht nicht viel über ihn – und wenn, dann meist nur im engsten Familienkreis oder hinter vorgehaltener Hand. Wir alle nehmen seine Dienste täglich in Anspruch, und würde er plötzlich den Dienst quittieren… Ach, man möchte sich die Auswirkungen gar nicht vorstellen… Die Rede ist von der Kläranlage der Stadt.
Wenn wir nach „erledigtem Geschäft“ die Spülung drücken, ist für uns der Fall erledigt. Die Rutsche aus dem Wasserkasten spült Fäkalien, Urin und Klopapier einfach weg. Noch schnell die Hände gewaschen. Und, zack, der Wasserstrahl aus dem Hahn lässt den Seifenschaum ebenso im Abfluss verschwinden wie zuvor die Toilettenspülung ihre Arbeit verrichtet hat. Wir sind es los, aber weg ist es damit noch lange nicht. Über das Kanalisationsnetz werden die Abwässer zur Kläranlage der Stadt geleitet. Unglaubliche vier Millionen Liter Abwasser werden dort täglich aufgearbeitet. Das entspricht in etwa der Menge von 120 Schiffscontainern.
Die Reinigung des Abwassers verläuft über ein mehrstufiges Verfahren und umfasst sowohl physikalische, biologische wie auch chemische Komponenten. In der ersten Phase filtert ein Rechen Fremdstoffe mit einer Größe von mehr als 6 Millimetern aus dem Abwasser. Hier sammelt sich oft, was ohnehin nicht ins Klo gehört: Wattestäbchen, Essensreste, Katzenstreu – es gibt fast nichts, was Abwassermeister Marius Bertram und sein Team dort nicht schon gefunden hätten. Ein ständiges Ärgernis für sie, denn Fremdkörper wie diese machen ihnen die Arbeit schwer. Sie können Leitungen verstopfen und Pumpen schädigen. Hinzu kommt all das Material, das von Regen und Schnee in die Gullis auf den Straßen und Wegen gespült wird: Laub, Verpackungsmüll, Zigarettenkippen und so weiter.
Hungrige Bakterien unterstützen bei der Reinigung
Von groben Unreinheiten befreit, wird das Abwasser in die unterschiedlichen Klärbecken geleitet. Bei langsamer Fließgeschwindigkeit werden dem Abwasser kleine Sedimente und Fette entzogen. Schwebstoffe sinken auf den Grund, Fette treiben an die Oberfläche. In den Belebungsbecken übernehmen Abermilliarden von Bakterien den nächsten Reinigungsschritt. Sie wandeln die im Wasser gelösten Stoffe um.
Dabei gibt es drei Hauptgruppen chemischer Verbindungen: Kohlenstoff (entstanden durch Fäkalien, Essensreste), Stickstoff (verursacht durch Harn) und Phosphat (in Fäkalien, aber auch in Putzmittel und Seifen enthalten). Die Kohlenstoffverbindungen werden von den Bakterien ganz einfach „aufgefuttert“ – sie sind Nahrungsquelle für die Mikroorganismen. Mit dem Stickstoff ist es schon ein wenig schwieriger. Im Abwasser taucht der Stickstoff überwiegend als Ammonium auf, einem Molekül aus Stickstoff- und Wasserstoffatomen. Um die chemische Verbindung aufzulösen, muss den Bakterien Sauerstoff zugeführt werden. Dadurch entsteht Nitrat, eine Mischung aus Stickstoff und Sauerstoff. Anschließend wird der Sauerstoff wieder entzogen. Damit die Bakterien nicht ersticken, brechen sie jetzt die Sauerstoffanteile aus der molekularen Verbindung. Der übrig bleibende Stickstoff entgast einfach in die Umgebungsluft, die ohnehin zu etwa 80 Prozent aus diesem Element besteht. „Unsere Aufgabe ist ein ständiges Ermitteln und Zusetzen der Menge an Sauerstoff, die die Bakterien zum Überleben und Wachsen benötigen“, erklärt Kläranlagenleiter Marius Bertram.
Abläufe wie in der Natur – mit moderner Technik optimiert
Die Phosphatverbindungen im Wasser sind physikalisch oder biologisch nur schwer zu lösen. Hier braucht es die Zugabe einer weiteren chemischen Substanz, dem Eisenchlorid. Es reagiert mit dem Phosphor, indem ein neues Molekül entsteht. Weil diese neue chemische Verbindung durch die Zugabe von Eisen enorm an Gewicht zulegt, sinkt sie als Klärschlamm auf den Grund des Beckens. Der Überschuss an Klärschlamm ist kein purer Abfall. Im Faulturm finden Gärprozesse statt, die Methan freisetzen – ein Gas, das zur Energiegewinnung genutzt werden kann. Tatsächlich gelingt es der Anlage, etwa die Hälfte des eigenen Stromverbrauchs auf diese Wiese zu decken.
Was aus dem letzten Klärbecken kommt, ist klares Wasser. Es wird in die zwei Schönungsteiche eingeleitet, bevor es in die Seckau fließt. Ein ständiger Kreislauf, bei der die Kläranlage im Grunde dasselbe erledigt, was die Natur schon seit Beginn der Zeit macht. Nur eben ein bisschen schneller, hygienischer, kontrollierter. Denn für vier Millionen Liter Wasser täglich braucht es ganz einfach die Kraft eines Superhelden.