Trauerbeflaggung vorm Seesener Rathaus - Fahnenwechsel vor Tagesanbruch
Eineinhalb Stunden vor Sonnenaufgang, ist es klirrend kalt in Seesens Innenstadt. An den Flaggenmasten vorm Rathaus hat sich Eis gebildet. Hausmeister Stefan Ahrens hat sichtlich Mühe, die Fahnen herabzulassen. Die Führungsschiene, an der die Flaggen gehisst beziehungsweise heruntergelassen werden können, ist wegen des Frosts verstopft. Runter müssen sie trotzdem. Denn heute, 27. Januar, jährt sich die Befreiung des NS-Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau zum 82. Mal. Seit 1996 ist das Datum bundesweiter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Vor öffentlichen Gebäuden wie Rathäusern, Polizeistationen oder Parlamentssitzen ist Trauerbeflaggung angeordnet.
Der Hausmeister ruckelt am Seil – und endlich löst sich das Eis. Langsam lässt er die Fahne nach unten sinken. Als ehemaliger Soldat und heutiger Reservist legt er Wert auf Traditionen und Tugenden. „Eine Flagge darf niemals den Boden berühren“, erklärt er. „Ist eine Sache des Respekts.“ Stefan Bettner, Personalratsvorsitzender bei der Stadt Seesen, ist hinzugekommen, um ihm zu helfen. Gemeinsam holen sie die Flagge ein und legen sie wie ein Bettlaken zusammen.
Alle vier Fahnenmasten müssen neu beflaggt werden. Gehisst werden die Farben und Symbole der vier wichtigsten Verwaltungsebenen: die Stadt Seesen, das Land Niedersachsen, der Nationalstaat Deutschland und die Union Europa. Beim Ausrichten noch darauf achten, dass die Höhe – bei Halbmastbeflaggung besonders wichtig – übereinstimmt.
Eine Stunde vor Tagesanbruch ist der Job erledigt. Mit der Trauerbeflaggung wird die Erinnerung an die Schrecken des Nationalsozialismus wachgehalten und den Opfern Respekt bekundet. Morgen früh wird Stefan Ahrens erneut kalte Finger bekommen. Dann muss er die „normalen“ Flaggen wieder hinhängen. Der nächste Sondertermin im niedersächsischen Beflaggungskalender ist der 11. März. An diesem Datum wird der Opfer terroristischer Gewalt gedacht. Auch dann wehen die Fahnen wieder auf Halbmast.