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Gedenken in Zeiten der Pandemie

Stille Kranzniederlegung am 9.11.
Stille Kranzniederlegung am 9.11.

Liebe Seesener Bürgerinnen und Bürger,

leider kann die Gedenkstunde zur Reichspogromnacht in diesem Jahr aufgrund der aktuellen Pandemiesituation nicht in der gewohnten, öffentlichen Form auf dem Jacobsonplatz stattfinden. Anstelle dessen möchten wir Ihnen unsere Gedanken dieses Mal in schriftlicher Form übermitteln. Zugleich verbinden wir damit die Hoffnung, dass dies eine einmalige Ausnahme bleiben möge.

Auch angesichts der von religiösem Fanatismus geprägten Gewalttaten wie zuletzt in Hamburg, Dresden, Paris, Nizza und Wien treibt uns die Sorge um, dass durch den Hass auf Andersdenkende, die Ausgrenzung von Minderheiten jeglicher Art und die Verbreitung von allerlei Verschwörungstheorien nicht nur das gesellschaftliche Klima in Deutschland und Europa vergiftet wird, sondern wir zunehmend auch Freiheit, Pluralismus, Toleranz und Menschenwürde als zentrale Werte unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung infrage gestellt sehen müssen.

Immerhin sind die gegenwärtigen Untaten denen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nur indirekt vergleichbar, weil sie nicht systematisch von Staats wegen erfolgen. Und doch gilt es, den Anfängen zu wehren. Denn wohin ein solches Verhalten wie das beschriebene Menschen am Ende bringen kann, dafür bleibt der Genozid an den europäischen Juden, der mit dem 9. November 1938 auch bei uns in Seesen – mit der Zerstörung des Jacobstempels und des Warenhauses von Bloch und Bremer, der feigen Ermordung des Synagogenwächters Siegfried Nußbaum und Hausdurchsuchungen bei den wenigen noch in Seesen verbliebenen jüdischen Familien – seinen Anfang genommen hat, auch 75 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkrieges und der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager immer noch das denkbar abscheulichste Beispiel an Unmenschlichkeit.

Und wenn man uns einreden wollte, es sei des Gedenkens doch irgendwann genug, dann genau zeigen nicht nur Ereignisse wie diejenigen der letzten Zeit und das Attentat auf die Synagoge in Halle vor gut einem Jahr, sondern auch allerlei xenophobe Tendenzen, die sich bürgerlichen Anstrich zu geben bemüht sind, dass das nicht stimmt.

Vielmehr sind wir alle immerfort aufgerufen, jeglicher Form von Gewalt, Fanatismus und Intoleranz entschieden entgegenzutreten, wenn wir, wie es in einem Text des amerikanischen Dichters Stephen Vincent Benét heißt, der als Gebet der Vereinten Nationen bekannt geworden ist, „den Namen Mensch tragen wollen“.

Denn „unsere Erde ist nur ein kleines Gestirn im großen Weltall und es liegt an uns, daraus einen Planeten zu machen, dessen Geschöpfe nicht von Kriegen gepeinigt werden, nicht von Hunger und Furcht gequält, nicht zerrissen in sinnlose Trennung nach Rasse, Hautfarbe oder Weltanschauung.“

Im besagten Gebet folgt schließlich die Bitte: Gib uns Mut und Voraussicht, schon heute mit diesem Werk zu beginnen, damit unsere Kinder und Kindeskinder einst stolz den Namen Mensch tragen.“

Bitte bewahren Sie sich diese Worte und bleiben Sie wohl behütet und gesund

Herzlich grüßen Sie

Ihr

Erik Homann, Bürgermeister                                                     Stefan Bungert, Jacobson-Stiftung